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3 Jahre Freundschaftsvertrag und erstes bulgarisches Veto – Was läuft in Ostmazedonien?

Ein Blick in das EU Land Bulgarien und auf die mazedonische Minderheit

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Blagoewgrad

Ein Blick nach Ostmazedonien: Vor über drei Jahren, im Sommer 2017 am mazedonischen Nationalfeiertag Ilinden, unterzeichnete Mazedoniens Premierminister Zoran Zaev mit Bulgarien einen Freundschaftsvertrag. Noch bevor der Vertrag mit Griechenland (angeblich) das ‚jahrelange Namensproblem‘ lösen sollte, als auch die Türen für Mazedonien zur EU öffnen sollte. Allerdings, verriegelte nun die EU erneut diese Tür – auf Grundlage eines Vetos aus Bulgarien.


Und wie sollte es anders sein: wie im Fall mit Griechenland, dessen ’nervensägende Politik die EU jahrelang duldete‘, kam dieser Riegel auf dem Weg in die EU nur deshalb zustande, weil ein Nachbar Mazedoniens ‚historische Fragen als ungeklärt betrachtet‘. Und genau jener ist schon Mitglied, und verfügt laut Bestimmungen der Europäischen Union über ein Veto Recht.

Ja, diese historische Fragen mögen vielleicht offen sein, aber so meinen wir, noch ‚weiter offener‘ ist die Frage der Mazedonier an sich. Jedoch nicht die geschichtliche, sondern die aktuelle Frage. Denn, wie Athen in den letzten zwei Dekaden versucht auch nun Sofia die mazedonische Minderheit im eigenem Land gänzlich zu unterdrücken oder gar vollends zu assimilieren. Beide Länder, Griechenland als auch Bulgarien, sind EU Mitgliedsstaaten.

Und, beide Länder negieren die Existenz einer mazedonischen Minderheit im eigenem Land und laut Berichte (der Vereinten Nationen UN als auch vom Internationalen Gerichtshof IGH in Den Haag) ist die Existenz einer mazedonischen Minderheit Tatsache. Und beide Länder versuchen nun vertraglich von der Republik Mazedonien zu verlangen, sich von dieser loszusagen.

Im Falle von Griechenland ist das mit dem Prespa-Abkommen schon längst geschehen (auch davor änderte die Republik Mazedonien schon ein mal die Verfassung). Bulgarien pocht nun auf seine Position als EU Mitglied (einfach gesagt, man nutzt es aus am längerem Hebel zu sitzen) und erpresst Mazedonien ‚Bemühungen einer Anerkennung einer mazedonischen Minderheit einzustellen‘ – sonst gibt es wieder ein Veto.

Was wurde nicht in den Deutsch-sprachigen Medien über ‚Nordmazedonien‘ und die Probleme mit den Nachbarn berichtet. Doch, wie so oft vermissen wir Mazedonier in diesen Medien Berichte zu den Problemen der ethnischen Mazedonier in den ‚übrigen Teilen Makedoniens‘, welche innerhalb griechischer und bulgarischer Staatsgrenzen, und somit in der EU, leben.

Über die systematische Unterdrückung, oder besser gesagt, über die systematische Assimilation der Mazedonier wird im Deutschsprachigen Raum fast gar nichts berichtet. Ausnahmen sind eher selten.

Deshalb blicken wir, als mazedonische Plattform welche auf Deutsch berichtet, heute nach Ostmazedonien und versuchen Euch zu erklären, was es bedeutet als Mazedonier auf ‚heimisch mazedonischen Gebiet‘ zu leben, welches jedoch innerhalb eines anderen Staates integriert ist, dass sogar EU Mitglied ist.


Im ersten Teil unserer Serie haben wir auf Südmazedonien geblickt, bzw, wie wir Mazedonier sagen, auf „Egejska Makedonija“, welches seit 1913 nach dem ‚Friedensvertrag von Bukarest‘ auf griechischem Staatsgebiet liegt.

Der Drittgrößte Teil Makedoniens nach der Ägäis und der Republik jedoch, liegt im Osten. Und dahin geht heute unser Blick, über die mazedonisch-bulgarische Grenze wo man nach Pirin-Makedonien gelangt, oder wie wir weiter im Text schreiben werden: Ostmazedonien…

Pirin-Makedonien oder eben Ostmazedonien!

Pirin Makedonien (mazedonisch: Пиринска Македонија; bulgarisch: Пиринска Македония) ist der zweit-kleinste Teil der geografischen Region Mazedonien (nach Mala Prespa) auf der Balkanhalbinsel, und liegt heute bzw. seit dem Bukarester Friedensvertrag von 1913 im Südwesten Bulgariens. Um sich der Gegebenheit der forcierten Namensänderung der Republik anzupassen, sprechen wir eben von Ostmazedonien.

Diese Region in Bulgarien fällt mit den Grenzen des Gebiets Blagoevgrad zusammen und fügt die Umgebung des Dorfes Barakovo aus der Provinz Kyustendil hinzu.

„Pirinska Makedonija“, wie die Mazedonier sagen, umfasst eine Fläche von ca. 6.800 km², was etwas mehr als 10 Prozent der gesamten Region Makedonien entspricht. Eines der regionalen Zentren ist Blagoevgrad (die Stadt im Titelbild oben), die ebenso als Gorna Džumaja bekannt ist (mazedonisch: Горна Џумаја), der alte Name der Stadt aus der osmanischen Zeit.

Makedonien Karte

Die Region grenzt im Norden an die Provinz Kyustendil und die Provinz Sofia, im Osten an die Provinz Pazardzhik und die Provinz Smolyan, im Süden an Nordgriechenland (respektive Südmazedonien) und im Westen an die Republik Mazedonien. Die Bevölkerung in dieser Region wird auf rund 325.000 Menschen geschätzt.

Der Name dieser Region ist vom Piringebirge abgleitet, das im zentralen Teil von Pirin Makedonien verbreitet ist. Der Bergname Pirin stammt von Perun, dem höchsten Gott des slawischen Pantheons und dem Gott des Donners und des Blitzes. In der Antike wurde das Gebiet von den Thrakern Orbelos genannt, was in der thrakischen Sprache „schneeweißer Berg“ bedeuten soll.

Gleiches Schicksal in Ostmazedonien wie in Südmazedonien

Bei einem Blick nach Bulgarien fallen sofort parallelen zum EU-Nachbarland Griechenland auf. Ebenso wird in Bulgarien die ethnische mazedonische Minderheit nicht anerkannt und negiert. Nicht nur nicht anerkannt, sondern politisch und kulturell unterdrückt ist der Mazedonier im EU Land Bulgarien.

Während Griechenland behauptet, Makedonien ist Griechisch und nichts anderes, ist die Doktrin aus Sofia ebenso relativ einfach zu verstehen: alles was man unter Mazedonier oder Mazedonisch versteht, ist demnach Teil der Bulgarischen Nation, Tradition und Geschichte. Nach jener Epoche, welche sich Griechenland mit dem Prespa Abkommen gesichert hat. Dies hat Sofia jüngst sogar in einem Memorandum allen weiteren Mitgliedsstaaten der Europäischen Union verstehen lassen.

Die Sprache der Mazedonier wird nicht als eigenständige Sprache von den Bulgaren anerkannt, sie wird als ein ‚West-bulgarischer Dialekt‘ betrachtet, und so solle es auch die EU in Zukunft handhaben, als auch deren Mitglieder meint Bulgarien – und am besten noch die ganze Welt samt Universum dazu! Aber hier kann man einen krassen Widerspruch in der plumpen Doktrin Sofias erkennen: Bulgarien erkennt die mazedonische Sprache zwar als eigenen Dialekt an, aber nirgends, im ganzen bulgarischen Staat oder dessen Institutionen oder Lehranstalten wird dieser Dialekt toleriert oder gar gelehrt. Nicht mal im ‚historischen nördlichen Teil Makedoniens‘ darf man diese Sprache sprechen.

Warum wir historischen Teil im Apostroph schreiben? Sofia hat jüngst moniert, dass man in Zukunft ‚die ganze Formulierung Republik Nordmazedonien verwenden müsse, da nur ‚Nordmazedonien‘ auch auf das historische Gebiet Makedoniens hindeuten könne, welches sich auch in Westbulgarien befände. Ja, es klingt kompliziert. Das hätten Befürworter der forcierten Namensänderung nicht erwartet?

Wie wir auf unserem Geschichte Blog ein mal geschrieben haben, es ist die Ironie der Geschichte, dass das Volk welches dem eingewanderten Turkvolk der Bulgaren aus der Steppe eine Sprache und Literatur gab, jetzt von diesen als nicht Existenz betrachtet werden.


Der Fall „OMO Ilinden-Pirin“

Die Unterdrückung der Mazedonier in Westbulgarien respektive Ostmazedonien geht sogar so weit, dass Bulgarien politische Parteien im Land, die aus der ethnisch mazedonischen Minderheit hervorgegangen sind, verboten hat. So wurde die Organisation OMO Ilinden-Pirin verboten, sie sei „separatistisch“. Überhaupt, befasst man sich mit der Geschichte des bulgarischen Staates, wird man feststellen, dass ausgerechnet im Jahr 1991 (als Mazedonien seine Unabhängigkeit erklärte), Bulgarien seine Verfassung änderte. Mit dieser Verfassungsänderung wurde, einfach gesagt, dass organisieren in einer politischen Organisation für ethnische Minderheiten im EU Land Bulgarien nicht mehr möglich. Zufall?

Zurück zum konkreten Fall: Die ‚Vereinte mazedonische Organisation Ilinden – Pirin‘ (Обединена македонска организация: Илинден – Пирин) ist eine mazedonische Organisation in Bulgarien, deren selbst erklärte Ziele der Schutz der Menschenrechte, der Sprache und der Nationalität der mazedonischen Minderheiten im bulgarischen Staat sind. Bulgarien selbst dagegen, sieht die Organisation als eine von ‚einer ausländischen Regierung finanzierte Separatistenorganisation‘ an.

Relevanter Beitrag: Ein Beispiel alltäglicher Diskriminierung der Mazedonier in Griechenland

1999 wurde die Organisation als politische Partei eingetragen und nahm im selben Jahr an den Kommunalwahlen teil. Die Partei bekam in der Kernregion der Partei, der Provinz Blagoevgrad in Westbulgarien (respektive Ostmazedonien), rund 3.000 Stimmen, entsprechend der Zahl der selbst erklärten ethnischen Mazedonier in der Region nach der jüngsten bulgarischen Volkszählung (3.100 im Jahr 2001). Im Rest des Landes erhielt die Partei der Mazedonier in Bulgarien jedoch fast keine Stimmen.

Am 29. Februar 2000 wurde OMO Ilinden-Pirin durch Entscheidung des bulgarischen Verfassungsgerichts als separatistische Partei aus dem bulgarischen politischen System ausgeschlossen. Am 25. November verurteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg Bulgarien wegen Verstoßes gegen die Versammlungsfreiheit der OMO Ilinden-Pirin. Das Gericht stellte fest, dass Bulgarien gegen Gesetz 11 der Europäischen Menschenrechtskonvention verstoßen habe.

Ethnische Mazedonier in Bulgarien

Am 26. Juni 2006 hielt die Partei eine neue Gründungsversammlung ab und löste in den bulgarischen Medien einige Kontroversen aus. Das Treffen fand trotz einer von der (extremen) bulgarischen Partei IMRO-BNM organisierten Protestdemonstration in der südwestlichen Stadt Goce Delčev statt. Der IMRO-BNM-Abgeordnete Boris Yačev warf der mazedonischen Regierung vor, die Partei mit 75.000 Euro zu sponsern, und forderte den Rückruf des mazedonischen Botschafters Abdurahman Aliti. Der Parteivorsitzende Stojko Stojkov versuchte die Partei in Schutz zu nehmen und bezeichnete sie als ‚bulgarische Partei‘ und als ’nicht ethnisch motiviert‘ (wegen der oben erwähnten Verfassungsänderung 1991).

Am 30. Juli bestätigte das Stadtgericht von Sofia die Entscheidung, die Registrierung von OMO Ilinden-Pirin abzulehnen. Das Gericht brachte unter anderem vor, dass das erforderliche Quorum von 530 Unterschriften nicht erreicht worden sei und dass es viele Unregelmäßigkeiten bei den vorgelegten Unterschriften gebe.

Die OMO Ilinden-Pirin wurde im April 2007 als Vollmitglied in die Europäische Freie Allianz aufgenommen.

Schon letztes Jahr warnten wir: Bulgarische Politik verschärft den Irredentismus!

Im letzten Absatz unseres Artikels wollen wir Euch jetzt darauf hinweisen, dass dieser Artikel nichts weiter als eine geupdatete Version unseres Artikels vom Juli letzten Jahres ist. Unter dem Titel Bei all dem Gerede um Nordmazedonien – Was geht in Ost-Mazedonien? veröffentlichten wir vor etwa eineinhalb Jahren auf unserem alten Blog folgende Worte im letzten Absatz:

Die bulgarische Politik gegenüber Mazedonien ist von ‚zwei Gesichtern‘ geprägt, man könnte fast verleitet werden den Begriff ‚Heuchlerisch‘ in den Raum zu werfen.

Während Bulgarien als erster Staat die damals ausgerufene Republik Mazedonien völkerrechtlich, und beim Verfassungsrechtlichen Namen anerkannte, ist die Doktrin immer noch voranging in Sofias Politik: Mazedonien existiert als Staat, aber es existieren keine Mazedonier, diese sind ‚abtrünnige Bulgaren‘, es existiert keine Mazedonische Sprache, der ein ‚west-bulgarischer Dialekt‘ sei.

Dies ist auch gerade aktuell (Stand, Juli 2019) spürbar, Bulgarien pocht auf den Freundschaftsvertrag der zwischen den beiden Staatsmännern Zoran Zaev und Bojko Borissow im August 2017 unterzeichnet wurde. Dies geht sogar soweit, dass jüngst Borrisow ganz offen, als ‚Chef eines EU Landes‘ sagte: Mazedonien solle keine bulgarische Geschichte stehlen. Sofia scheint die letzten Jahre einiges von Athen gelernt zu haben.

So wie Zoran Zaev und seine Regierung „Alexander den Großen den Griechen überlassen hat“, wird er auch den mazedonischen Nationalhelden Goce Delčev der bulgarischen Geschichtsschreibung überlassen.

Und Ihr werdet uns zustimmen, eben genau Goce Delčev war in letzter Zeit in den Fokus geraten. Man mag es nicht glauben, sogar in den Fokus Deutschsprachiger Medien, welche sich ‚auf einmal‘ über Bulgariens verhalten entrüsten…

QUELLE: Makedonien.mk


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